Wahlrecht für Frauen zum Kirchenvorstand

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Frau Ulrike Knörlein, Referentin für Frauenarbeit im FrauenWerk Stein e.V. in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, bat 2017/18 in einer Umfrage um Klärung, wann in den einzelnen Kirchengemeinden zum ersten Male Frauen ihr aktives und passives Wahlrecht zum Kirchenvorstand genutzt haben. Ansprechpartnerin für Frau Knörlein war unsere Kirchenvorsteherin Gabriele Müller. Die unten veröffentlichen Informationen hat Dr. Adolf Rank, der Archivar unserer Gemeinde, dankenswerterweise zusammengetragen.

Die geschichtliche Entwicklung in Bayern

Kirchenvorstandsverordnung von 1920

Im Amtsblatt vom 22. Februar 1920 wurde die neue „Kirchenvorstandsverordnung“ auf Grundlage der Beschlüsse der außerordentlichen Generalsynode (entspricht der heutigen Landessynode) vom Juli 1919 in Ansbach veröffentlicht. In Anlehnung an das seit 19. Januar 1919 geltende politische Wahlrecht für Frauen gilt nun:

Art. 4: Der Kirchenvorstand besteht aus sämtlichen an der betreffenden Kirche angestellten Geistlichen […] und aus einer Anzahl weltlicher Kirchengemeindeglieder, ohne Unterschied des Geschlechts.

Art. 5: Wahlstimmberechtigt bei der Wahl zum Kirchenvorstand sind alle Mitglieder der Kirchengemeinde nach zurückgelegtem 25. Lebensjahr.[1]

Somit ist also sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht gewährleistet.

In einer der „Kirchenvorstandsverordnung“ als Anlage angefügten Bekanntmachung[2] wird formuliert: Zugelassen zur Wahl sind nunmehr auch die Angehörigen des weiblichen Geschlechts und zwar unter vollständiger Gleichstellung mit den Männern, so dass das Geschlecht hinsichtlich der Wahlberechtigung keinen Unterschied mehr begründet. Sie können ferner in der gleichen Weise wie die Männer in den Kirchenvorstand gewählt werden. Und weiter: Die Wahl der Abgeordneten zur Generalsynode […] erfolgt durch die sämtlichen Kirchenvorstandsmitglieder eines Wahlkreises.

Damit ist ausgesagt, dass Frauen ab 1919 auch das aktive Wahlrecht zur Generalsynode hatten. Das passive Wahlrecht zur Generalsynode wurde ihnen aber verweigert (erst 1958 erfolgte die allgemeine Zulassung).

  1. Amtsblatt für die protestantische Landeskirche in Bayern rechts des Rheins, 1920, S. 146.
  2. Ebd. S. 164.

Weimarer Republik

Zur vorläufigen Ablehnung des passiven Wahlrecht von Frauen zur Generalsynode nachfolgend einige Zitate aus der „allgemeinen Begründung“ und der Diskussion zu diesem Thema 1919 in Ansbach:

Die Frau ist besonders befähigt, im gemeindlichen Hilfsdienst, in der Gemeindediakonie, auch in wirtschaftlichen Angelegenheiten der Gemeinde mitzuraten […]. Dagegen liegen der Frau weit weniger die Aufgaben einer gesetzgebenden mit der Gestaltung des Wesens der Kirche, Lehr- und Rechtsfragen sich befassenden Versammlung. […] Wie die Frau nach der Bibel nicht zur Lehre und der öffentlichen Wortverkündigung berufen ist, eignet sie sich auch nicht zur Regierungsgewalt in kirchenregimentlichen Fragen der öffentlichen Wortverkündigung. […] Damit ist eine schöpfungsmäßige Zurückhaltung des weiblichen Geschlechts begründet. Kirchenrat Herold ist gegen jedes Frauenwahlrecht. Das Wort Gottes ist ihm ausschlaggebend, er betont namentlich die göttliche Schöpfungsordnung, auch die Haltung der apostolischen Gemeinden, die nur eine helfende und dienende Stellung der Frau kannten, aber keine autoriative. Er warne daher vor Einführung des Frauenwahlrechts; ein Recht sei leicht bewilligt, aber nicht leicht rückgängig zu machen. Dekan Keil stimmt Herold zu. Er habe bei den letzten Kirchenvisitationen die Wahrnehmung gemacht, dass die allermeisten Leute in kleinstädtischen und ländlichen Gemeinden das Frauenwahlrecht nicht wollen.[1]

Bericht aus der Ausschussarbeit: Andererseits wurde gegen das Frauenwahlrecht, insbesondere das passive, betont: Die Erfahrungen aus den Parlamenten seien nicht besonders günstig, namentlich hätten sich die Frauen bei der Ausschussarbeit wenig bewährt. […] Es wurde betont, das weibliche Wesen mache die Frau weniger geeignet für die Mitwirkung bei gesetzgeberischen Aufgaben. Unter Hinweis auf die Korintherbriefe wurden Bedenken gegen das Stimmrecht der Frau, insbesondere in Angelegenheiten des Lehramtes, geltend gemacht. Endlich wurde betont, dass ein Bedürfnis für Frauenmitarbeit in der Generalsynode nicht vorliege.[2]

Der Synodale Pechmann: Die Hauptfrage ist die, ob es dem besonderen Beruf der Generalsynode entspricht, wenn in sie, als die künftige Trägerin der Kirchengewalt, Frauen hereingewählt werden. Wir dürfen unsere Landeskirche nicht unter ein Regiment stellen, dem Frauen angehören. Ein dringendes Bedürfnis hierfür liege sicher nicht vor.[3]

  1. Verhandlungen der außerordentlichen Generalsynode für die Konsistorialbezirke r. d. Rhs. zu Ansbach im Jahre 1919, S. 100.
  2. Ebd. S. 110.
  3. Ebd. S. 113

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Erst 1946 wurde wieder über das Frauenwahlrecht zur Landessynode diskutiert. Die Befürworter konnten sich immer noch nicht durchsetzen. Im neuen Kirchengesetz wurde verankert, dass als weltliche Abgeordnete alle männlichen Angehörigen der Landeskirche wählbar sind.

Auch bei der Landesynode 1953[1] waren die Befürworter des Frauenwahlrechts nicht erfolgreich. Dazu noch ein Auszug aus den Diskussionsbeiträgen: Die Synode ist nicht einfach eine Fortsetzung der Gemeindevertretung in den Kirchenvorständen. Die Konsequenz des passiven Wahlrechts der Frau zur Landessynode wäre, dass wir in absehbarer Zeit auch damit rechnen müssen, dass Frauen Oberkirchenräte und Bischöfe werden. Wir nehmen der Frau nichts von ihrer Würde und ihrem Verdienst, den sie heute im Gemeindeleben hat, wenn wir ihr das passive Wahlrecht zur Landessynode verweigern. 1946 wurde bei der Ablehnung des Frauenwahlrechts zur Synode theologisch argumentiert, dass die Frau schöpfungsmäßig zum Dienen und nicht zum Herrschen da ist. Ich sehe nicht ein, dass sie nun durch das Gesetz Gelegenheit bekommen soll, auch in der Synode mitzureden. Wir dürfen uns durch die guten Erfahrungen in unseren Gemeinden das Urteil nicht trüben lassen.

Die Landessynode 1958 in Regensburg brachte dann Wende. Das Wort „männlich“ (siehe oben) wurde im Gesetzestext gestrichen. Allerdings gab es in der vorangegangenen Diskussion immer noch ablehnende Stellungnahmen und bei der Abstimmung elf Gegenstimmen.[2]

  1. Verhandlungen der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, 5. ordentliche Tagung, Bayreuth Okt. 1953, S. 72.
  2. Verhandlungen der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern,, 7. ordentliche Tagung, Regensburg April 1958. Veröffentlicht wurde der geänderte Text im Amtsblatt für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Nr. 10, 28. Mai 1958, S. 58.

Die Entwicklung in Sulzbach

Wahl am 2. Mai 1920 [1]

Unter den 24 Kandidaten waren 2 Frauen. Zu wählen waren 8 KV-Mitglieder. Elise Zethner erhielt die dritthöchste Stimmenzahl und war somit die erste Frau in Sulzbach, die in den Kirchenvorstand gewählt wurde. Margarete Übler, Ehefrau eines Bergmanns, kam auf Platz 12 und stand somit bei den Ersatzleuten an 4. Stelle.

Zu Elise Zethner: Geboren am 11.2.1866 in Neukirchen als Tochter des Gastwirts Schinhammer. Sie heiratete 1896 Johann Zethner, damals Amtsgerichtsdiener, später Verwalter. Elise Zethner ist am 13.2.1956 im Alter von 90 Jahren gestorben.[2]

Bei den KV-Wahlen 1923/1929/1933/1946 kandidierten keine Frauen! Zwischen 1933 und 1946 gab es offensichtlich keine Wahlen.

  1. Die Angaben zu den Wahljahren 1920 bis 1952 stammen aus den Akten Pfarramt Christuskirche Nr. 4; 5; 6; 7; 8 sowie 466, alle im Landeskirchlichen Archiv in Nürnberg.
  2. Die Daten sind den Sulzbacher Kirchenbüchern entnommen.

Wahl am 9.11.1952

Unter den 24 Kandidaten war eine Frau (Ruth Maluche). Zu wählen waren 12 KV-Miglieder. Ruth Maluche landete auf Platz 13 und war damit erste Ersatzfrau. 1953 und 1954 sind wegen Todesfall bzw. Erkrankung zwei Ersatzleute nachgerückt. Ruth Maluche wurde dabei nicht berücksichtigt, wobei es keine Hinweise für freiwilligen Verzicht gibt.

Wahl am 9.11.1958[1]

Unter den 24 Wahlvorschlägen war als einzige Frau Grete Koch. Sie wurde nicht gewählt. Wie sie platziert war, konnte nicht festgestellt werde, da die genaue Ergebnisliste fehlt.

  1. Die Angaben zu den Wahljahren 1958 bis 1988 stammen aus den Pfarrakten 594/595 (Protokollbücher der Kirchenvorstandssitzungen) sowie 620/48-52 (Niederschriften der Kirchenvorstandswahlen) im Pfarrarchiv Christuskirche.

Wahl am 8.11.1964

Unter den 26 Wahlvorschlägen befanden sich 3 Frauen (Grete Koch, Helene Grünberger und Johanna Herden). Sie erreichten die Plätze 13, 19 und 20, wurden also nicht gewählt.

Wahl am 8.11.1970

Nach den Bestimmungen der neuen Kirchengemeindeordnung von 1964 waren nun erstmals nur noch drei Viertel der KV-Mitglieder zu wählen, die übrigen mussten berufen werden. Für Sulzbach bedeutete dies also bei insgesamt 12 KV-Mitgliedern 9 gewählte und 3 berufene Personen. Unter den 28 Wahlvorschlägen waren diesmal erfreulicherweise 8 Frauen. Die Namen und Platzierungen im Wahlergebnis:

Babette Gassenmeyer Platz 10
Grete Koch Platz 12
Johanna Herden Platz 14
Helene Grünberger Platz 17
Gunda Hufnagel Platz 22
Margarete Hubmann Platz 25
Anna Thurner Platz 27
Betty Schmidt Platz 28.

Keine der 8 Frauen wurde also direkt gewählt. In geheimer Abstimmung am 23.11. wurden dann neben Fritz Luber (Platz 9) Grete Koch und Gunda Hufnagel berufen. Gunda Hufnagel wurde zur Protokollführerin der KV-Sitzungen und zur Abgeordneten zur Dekanatssynode bestimmt. Am 18. April 1975 rückt Babette Gassenmeyer für den verstorbenen Johann Hiltl in den KV nach.

Wahl am 7.11.1976

Unter den 23 Bewerbern befanden sich 5 Frauen. Sie erreichten bei der Wahl folgende Platzierungen:

Grete Koch Platz 6
Babette Gassenmeyer Platz 11
Edith Klever Platz 14
Lina Dirrigl Platz 15
Edith Kiesel Platz 20.

Grete Koch wurde also direkt gewählt. Zusätzlich berufen wurde (neben Konrad Loos und Peter Schmidt) Lina Dirrigl. Beide Frauen wurden (neben 3 Männern) auch zu Mitgliedern der Dekanatssynode gewählt.

Wahl am 7.11.1982

Unter den 27 Bewerbern befanden sich 7 Frauen. Grete Koch hatte auf nochmalige Kandidatur verzichtet. Die Platzierungen nach der Wahl:

Renate Erhard Platz 4
Lina Dirrigl Platz 5
Margot Kopp Platz 12
Gerda Göhler Platz 17
Elisabeth Herbst Platz 18
Else Förster Platz 21
Marianne Siegert Platz 27.

Renate Erhard und Lina Dirrigl wurden demnach direkt in den KV gewählt. Lina Dirrigl wurde auch zur Stellvertreterin des Vertrauensmannes und zur Delegierten in die Dekanatssynode berufen.

Wahl am 6.11.1988

In vorhergehenden KV-Sitzungen war über die Aufforderung des Amtes für Gemeindedienste (Nürnberg) und des Landeskirchenrates diskutiert worden, bei der Aufstellung der Kandidatenliste möglichst alle Gruppierungen, auch kirchenkritische Personen, zu berücksichtigen. Dekan Heidecker wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass nach der Bevölkerungsstruktur neben den Schichtarbeitern auch die Frauen unterrepräsentiert sind. Bei den Frauen führt er dies, nachdem ausreichend Frauen zur Verfügung stehen würden, auf das nicht mehr zeitgemäße Wahlverhalten zurück. Für die Kandidatenaufstellung sollten gezielt die Jugend, der Posaunenchor, der Kirchenchor, Frauen- und Männerbund befragt werden. Dekan Heideckers Appell brachte zumindest einen Teilerfolg:

Unter den 25 Kandidaten befanden sich 7 Frauen. Sie erzielten folgende Platzierungen:

Renate Erhard Platz 1
Lina Dirrigl Platz 2
Betti Kerler Platz 8
Gundi Grünthaler Platz 14
Irene Bittner Platz 17
Christine Strobel Platz 18
Ingrid Günther Platz 20.

Somit wurden Renate Erhard, Lina Dirrigl und Betti Kerler direkt gewählt. Weitere 2 Frauen wurden in den KV berufen: Christine Strobel als Vertreterin der Jugend, und Irene Bittner als Vertreterin des Loderhofes und jüngerer Familien. (Der dritte Berufene war Hans Pickel, Waldsachverständiger und Vertreter der Arbeiter und Sozialplänler).

Die Ergebnisse der Wahlen von 1994/2000/2006 und 2012 wurden nicht überprüft.[1]

Interessant ist aber sicher ein Auszug aus der „Analyse zur KV-Wahl 2000“ im Gemeindebrief Dezember 2000: Untypisch war in Sulzbach der niedrige Frauenanteil bei den Gewählten. Im Dekanatsbezirk sind 42 Prozent der neuen KV-Mitglieder Frauen. Bayernweit wurde sogar die 50-Prozent-Marke erreicht. Dagegen wurden in Sulzbach nur zwei Frauen direkt gewählt. Dieses Defizit wurde mit der Berufung von zwei weiteren Frauen ein wenig gemildert.


Die Entwicklung im Dekanat

Rosenberg (nur bis 1976 erfasst):

Wahl 1920: Einzige weibliche Kandidatin war Margarete Trutzel. Sie wurde nicht gewählt.

Wahlen 1923/1929/1933/1946/1952: Keine Frauen im Wahlvorschlag.

Wahl 1958: Unter den 21 Wahlvorschlägen befanden sich 3 Frauen. Gewählt wurde Dr. Annemarie Beyhl (Platz 7). Betty Lang und Katharina Sperber landeten auf den Plätzen 14 und 18.

Wahl 1964: 23 Wahlvorschläge, darunter 3 Frauen. Wiedergewählt wurde Dr. Annemarie Beyhl (Platz 2). Betty Lang und Betty Lösch erreichten die Plätze 11 und 20.

Wahl 1970: 21 Wahlvorschläge, darunter 2 Frauen (Frau Beyhl kandidierte nicht mehr). Gewählt wurde Betty Lang (Platz 7).

Schwandorf (nur bis 1946 erfasst):

Wahl 1920: Gewählt wurde Helene Siewecke (Direktorsgattin). Ersatzfrau wurde Jula Reichard (Arztgattin).

Wahl 1923: Gewählt wurde Jula Reichard, Ersatzleute waren Helene Siewecke und Margarete Hopfengärtner.

Wahl 1929: Jula Reichard wurde wiedergewählt. Ersatzfrau Emma Glas.

Wahl 1933: Keine Frau im KV.

Wahl 1946: Gewählt wurde Jula Reichard.

Amberg (nur bis 1946 erfasst):

Wahl 1920: Gewählt wurde Charlotte Unna, Oberstleutnantsgattin. Ersatzleute Babette Michl und Katharina Köhler. Wahl 1923: Gewählt Lina Bayer (Platz 10). Sie war der einzige weibliche Wahlvorschlag.

Wahl 1929: Wiedergewählt Lina Bayer (Platz 6). Ersatzleute wurden Ida Mann und Marie Nier. Wahlen 1933 und 1946: Keine Frau gewählt.

Landgemeinden (nur bis 1946 erfasst)

In den Kirchengemeinden Edelsfeld, Eschenfelden, Etzelwang, Fürnried, Illschwang, Königstein, Kürmreuth und Neukirchen wurden im Zeitraum 1920 bis 1946 keine Frauen in den Kirchenvorstand gewählt (auch nicht vorgeschlagen).

Links

Zur Homepage der Kirchengemeinde Christuskirche in Sulzbach-Rosenberg

Zur Homepage der Dekanats Sulzbach-Rosenberg

  1. Zu diesen Kirchenvorständen siehe hier